Das Weiße Haus

Das Weiße Haus

Von Nicolas Richter, Christoph Giesen und Marcus Bensmann

'Absoluter Wahnsinn': 40000 Quadratmeter Fläche, 8000 Quadratmeter Marmor, 700 Millionen Euro Kosten: Am Palast von Taschkent wollten auch deutsche Mittelständler verdienen. Nun warten sie auf Geld.

Als der Palast fertig war, schritten die Minister durch eine Halle wie Milchschaum, ein weiches, sanft auslaufendes Weiß. Kaum eine Farbe drängte sich auf, allenfalls dezente Linien in Gold und das geschwungene Geländer der Treppe, darin eingelassen Sterne aus Messing.

War man hier noch in der asiatischen Steppe, oder schon im Himmel?

Die Delegation der Regierung fand diese Träumerei europäischer Architekten zu blass, zu gewöhnlich. Ein schlichtes Messinggeländer im wichtigsten Haus des Landes. Undenkbar. 'Nachbessern. Schnell. Die Kosten sind egal', befahl jemand aus der Delegation. Die Diktatur wollte glänzen, funkeln, sie forderte für das Geländer Blattgold und das grüne Feuer von Smaragd-Edelsteinen.

Klaus Schweizer, der im Auftrag des Innenausstatters 'Ganter Interior' aus Waldkirch schon seit Monaten auf dieser Baustelle für das Kongresszentrum im usbekischen Taschkent unmögliche Wünsche erfüllte, in einem oft schon verloren geglaubten Kampf gegen die Zeit, hatte einen neuen Auftrag. Er kann sich genau erinnern an diesen letzten Kraftakt: tausend Smaragde! In vier Wochen.

Schweizer hat damals, im Herbst 2009, alles versucht, um die Ware zu beschaffen. 'Absolut unmöglich', sagt er heute, 'ich habe bis nach Mexiko telefoniert.' Also kaufte er Halbedelsteine, grün funkelnd, ließ sie in Swarowski-Kristalle ein und verzierte damit das Geländer. Für zwei Millionen Euro. 'Nicht mein Geschmack', sagt Schweizer, 'aber der Regierung gefiel es.'

Der Architekt Klaus Schweizer, 45, wirkt weit weniger prätentios als das Bauwerk, an dem er damals gearbeitet hat. Er trägt ein blaues Hemd, vor dem Gespräch hat er noch schnell Brezeln gekauft, die er nun im Loft der Firmenzentrale an einem weiß lackierten Konferenztisch isst. Ganter Interior stattet Luxusgeschäfte in den besten Lagen der Welt aus, für De Beers, Burberry, Lamborghini. Der Palast in Taschkent war nicht die beste Lage, aber vielleicht die verrückteste. 40000 Quadratmeter Nutzfläche, groß wie der Reichstag, mitten in einem armen Land. 'Die Gesamtkosten lagen bei geschätzten 700 Millionen Euro, der absolute Wahnsinn', sagt Klaus Schweizer.

Er schlägt einen Bildband auf. Ein Stahlgerippe ist darin zu sehen, Staub, Tausende Arbeiter mit gelben Helmen. 'So sah das im Frühjahr 2009 aus. Keine fünf Monate später haben wir einen der größten Bauten Zentralasiens fertig gestellt, wir haben ein Wunder vollbracht.'

Präsident Islam Karimow hatte sich zum 2200. Geburtstag der Hauptstadt Taschkent einen Prachtbau gewünscht, und da er es wünschte, stand der Bau zum Jubiläum im September, obwohl man zu spät angefangen hatte. Jetzt gibt es im Palast mal ein Gipfeltreffen der Shanghai-Gruppe, mal inszeniert die Präsidententochter Gulnara eine internationale Modewoche. Sonst steht das Gebäude meist leer. Das macht nichts, solange es imposant wirkt. 'Wenn einer sehen will, wie groß wir sind, soll er ansehen, was wir gebaut haben', sagte der Präsident einmal.

Allein, es sind nicht alle zufrieden. Die Baufirma Zeromax, unlängst noch eines der erfolgreichsten usbekischen Industriekonglomerate, sie ist pleite. Die Ausstatter von Ganter und mehr als 20 weitere Mittelständler aus Süddeutschland warten seit bald zwei Jahren darauf, dass letzte Rechnungen bezahlt werden. Ganter Interior fordert allein acht Millionen Euro. Ähnlich geht es acht brasilianischen Fußballprofis, die beim Verein Bunyodkor Taschkent spielten, unter ihnen der frühere Weltstar Rivaldo. Deren Gehälter zahlte Clubsponsor Zeromax, bis er sie nicht mehr zahlen konnte. Lange schien es so, als mache Zeromax, dessen Sitz im Schweizer Kanton Zug liegt, alles möglich. Export-, Bau- und Fußballwunder. Jetzt streitet man um die Konkursmasse.

Die Gläubiger stehen Schlange, und die Deutschen gehören dabei noch zu den kleinsten. Die großen, unter ihnen ein mächtiger Oligarch aus der Ukraine, fordern Hunderte Millionen etwa aus Pipeline-Geschäften. Sie alle haben lange geschwiegen, jetzt möchten sie ihre offenen Rechnungen zum Politikum machen.

Aber wer ist denn verantwortlich für eine Firma, die aussah wie ein Staatskonzern, und die nun kläglich verendet in der Steueroase Zug, wo es mehr Briefkästen gibt als Büros? Es ist üblich geworden in Zeiten des postsowjetischen Energiebooms: Firmen und Typen schießen in die Höhe, dann stürzen sie ab. Gerichte und Anwälte im Westen versuchen jetzt, die Dinge zu sortieren, aber Abhängigkeiten und Abmachungen sind kaum zu durchschauen, und am allerwenigsten die Rolle der usbekischen Regierung.

Das zentralasiatische Usbekistan ist eines jener Länder, deren System man im Westen zwar missbilligt, gleichzeitig aber zu brauchen glaubt. Das Land erstreckt sich von den Steppen um den sterbenden Aralsee bis hin zum fruchtbaren Ferghanatal. Hier verläuft die alte Seidenstraße, aber auch neue Gas-Pipelines nach Europa und China. Für ihren Einsatz in Afghanistan nutzt die Bundeswehr einen Flughafen im Süden. Die Bevölkerung hat nicht viel von all diesen strategischen Vorzügen. Während das wärmende Gas ins Ausland strömt, frieren im Winter viele in ihren Häusern. Die gewachsene Bedeutung des Landes muss sich aber, wie überall, in Bauwerken niederschlagen. Für einen Geschäftsmann wie Klaus Schweizer aus Baden-Württemberg war der Palast in Taschkent wirtschaftlicher Irrsinn. 'Man hätte ihn für viel weniger Geld bauen können, wenn der Bauherr einen Plan gehabt hätte', sagt er.

Stattdessen wurde eilig und teuer beschafft. Estrich, Fliesenkleber, Werkzeug und selbst die Pflastersteine vor dem Gebäude stammten aus Baden-Württemberg und wurden eingeflogen. Hunderte Facharbeiter wurden gebraucht.

Schweizer wischt über das Display seines Handys und tippt Zahlen ein. 8000 Quadratmeter Marmor, der weißeste, den es gibt. Zwei Zentimeter stark, 160 Kubikmeter. 'Das macht 430 Tonnen, Wahnsinn', sagt Schweizer, 'alles mit dem Flugzeug'.

Nicht nur von Frankfurt am Main, auch vom Flugplatz im tschechischen Brünn aus hievten russische Transportflugzeuge vom Typ Antonow alles Schöne und Schwere nach Taschkent. Allein die Luftbrücke, schätzt Schweizer, dürfte 80 Millionen Euro gekostet haben.

Eine Baufirma aus Stuttgart installierte für etwa sieben Millionen Euro eine Küche im Kongresszentrum, mit Wasseraufbereitunsganlage, Vorkosterküche und einem Gaschromatographen zur Ermittlung möglicher Gifte. 'Damit dem Häuptling auch ja nichts zustößt', spottet der Geschäftsführer der Stuttgarter Firma, Mark Tzschoppe. Sein Umsatz lag damals fünf Mal höher als in anderen Jahren, er hatte 270 Leute auf der Visaliste und permanent 60 Arbeiter auf der Baustelle.

In Taschkent lebte Tzschoppe damals im siebten Stock des Grand Mir Hotel, beim Frühstück oder im Aufzug traf er den Fußballstar Rivaldo oder Brasiliens Weltmeistertrainer Luiz Felipe Scolari, die in der dritten Etage wohnten, während sie für den Verein Bunyodkor arbeiteten. Tzschoppe fand das alles sehr skurril. Er nennt den Auftrag noch immer 'einen großen fliegenden Teppich'.

Über die Fortschritte am Bau wachte damals Miradil Dschalalow, ein hagerer Mann, Mitte 40. Spätestens morgens um sieben fuhr er in einem gepanzerten BMW vor und setzte sich, Armani-Jeans und Hemd mit Monogramm tragend, auf ein Holzbänkchen. Die Deutschen fürchteten, er könne einen Sonnenstich bekommen, und stellten ihm einen Sonnenschirm zur Seite. Unter dem Schirm telefonierte Herr Dschalalow und gab Anweisungen. Ein Mitarbeiter, den die Deutschen 'Tee-Knecht' nannten, eilte herbei, um seinem Chef Getränke zu servieren. Wenn Dschalalow das Gefühl hatte, dass die Zeit knapp wurde, erhöhte er die Zuschläge für Überstunden und verschenkte Schweizer Armbanduhren.

Die Deutschen erinnerte er an den Architekten Numerobis aus 'Asterix und Kleopatra'. Den hätte die ägyptische Königin den Krokodilen zum Fraß hingeworfen, wenn er nicht binnen drei Monaten einen Palast für Cäsar errichtet hätte. Aus Sicht der deutschen Gastarbeiter hätte Dschalalow wohl ein ähnliches Schicksal gedroht, falls er gescheitert wäre.

Dschalalow war der Geschäftsführer und Hauptgesellschafter der Zeromax GmbH, die als Baufirma auftrat. Laut Schweizer Handelsregister war Zweck der Gesellschaft 'Handel mit Rohstoffen, insbesondere Erdöl und Erdgas', aber die Firma zog auch Prestigebauten hoch, handelte mit Baumwolle und Gold, sponserte den Fußball-Club Bunyodkor. Binnen weniger Jahre wuchs Zeromax zu einem strategischen Konzern, der auch an die russische Gazprom-Gruppe Gas verkaufte. 2007 lag die Bilanzsumme von Zeromax bei einer Milliarde Schweizer Franken.

Allerdings war dieser Konzern, der sie bezahlen sollte, ein wenig rätselhaft für die deutschen Gäste. Wie konnte es sein, dass der Chef des Energiemultis Zeromax monatelang auf einer Baustelle saß und Tee trank? 'Dschalalow war ein cooler Typ, nur einfach kein Geschäftsmann', sagt der Stuttgarter Mark Tzschoppe. 'Er war kein schlitzohriger Oligarch, dem man zutraut, eine Firma zu leiten, geschweige denn eine andere zu übernehmen.' War er nur ein Strohmann? Wer kontrollierte Zeromax dann wirklich? Die Präsidentenfamilie oder ihr Apparat?

Die Machtverhältnisse in Usbekistan sind übersichtlich. Seit dem Zerfall der Sowjetunion steht Präsident Islam Karimow, 73, an der Spitze. Er erzielt Wahlergebnisse, die nicht wahr sein können, seine Herrschaft sichert er brutal ab. Zu den Foltermethoden der Sicherheitsdienste gehört es, Verdächtige zu verbrühen. Im Mai 2005 ließ Karimow einen Aufstand in Andischan niederschlagen. Angeblich, erklärte das Regime, hatten Islamisten aufbegehrt, in Wahrheit hatten sich Bürger bloß gegen Verhaftung und Enteignung einer Unternehmergilde gewehrt. Die Protestierenden wurden niedergeschossen, Hunderte Menschen starben.

Die Töchter des Präsidenten leben in Europa und wehren sich dagegen, dass üble Geschichten aus der Heimat ihren Ruf beschmutzen. Lola Karimowa klagt in Frankreich gerade gegen eine Internetzeitung, die sie als 'Diktatoren-Tochter' bezeichnete. Ihre große Schwester Gulnara, ständige Vertreterin ihres Landes bei den UN in Genf und Sonderbotschafterin in Spanien, umgibt sich mit Glamour-Prominenz und entwirft Schmuck für Chopard. Das passt nicht zu einem Land, in dem der Staat Hunderttausende Schulkinder zur Zwangsarbeit auf die Baumwollfelder schickt. Unlängst stand in den US-Botschaftsdepeschen, dass die geheimnisvolle Firma Zeromax in Wahrheit von Gulnara Karimowa kontrolliert werde. Sie erklärte prompt und sehr ernst, sie habe mit Zeromax nie etwas zu tun gehabt.

Allerdings glaubt kaum ein Kenner des Landes, dass Zeromax ohne den Segen des Präsidenten so groß hätte werden können. Niemand in Uskebistan macht Geschäfte gegen das Regime. Der Präsident, und mit ihm Behörden und Gerichte, gewähren ihre Gunst - oder entziehen sie. Wer zu mächtig wird, landet im Gefängnis oder im Exil. Oligarchen wie in Russland hat es hier nie gegeben, allenfalls Höflinge, denen der Staat bestimmte Geschäftsfelder zuwies. Unliebsame ausländische Firmen werden so lange mit Steuernachforderungen traktiert, bis sie sich zurückziehen und ihre Güter dem Staat überlassen. In Usbekistan sagt man 'Heute ein Akim, morgen Abdurachim'. Heute ein Chef, morgen Kleinhänschen.

Als der Kongresspalast in Taschkent gerade fertig war, ging es mit der Zeromax GmbH dahin. Die Firma erklärte, man habe ihr plötzlich Gaslieferungen verwehrt, weshalb sie auch nichts mehr habe verkaufen können. Anfang 2010 brachen die Einnahmen weg. Wenig später ließ ein usbekischer Staatskonzern auch noch weite Teile des Zeromax-Vermögens beschlagnahmen. Damit war die Firma am Ende. Dschalalow, der Inhaber, verschwand nach einem fragwürdigen Rettungsmanöver in seiner Heimat, er steht wohl unter Hausarrest. Ein Schweizer Insolvenzverwalter wickelt die Firma ab.

Die Gläubiger bilden eine seltsame Koalition. Neben den deutschen Handwerkern und brasilianischen Fußballspielern ist dies vor allem der ukrainische Konzern SCM. Über einen russischen Händler will er Zeromax mit Stahlröhren für den Pipelinebau beliefert haben und fordert noch 400 Millionen Dollar. Um an das Geld zu kommen, hat SCM sogar versucht, Zeromax gleich als Ganzes zu schlucken, scheiterte aber am Widerspruch des Managements und der Schweizer Justiz.

SCM gehört dem ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow. Er beherrscht das Stahl- und Kohlegeschäft seines Landes und gilt dort als einer der reichsten Männer, unlängst hat er für 139 Millionen Pfund die teuerste Wohnung Londons am Hyde Park gekauft. Achmetow sieht in den Deutschen und Brasilianern gar nicht so sehr Rivalen im Kampf um die Konkursmasse der Zeromax. Die Mitgläubiger könnten stattdessen sogar nützlich sein. Den meisten Westeuropäern nämlich ist es egal, ob sich im Osten Geschäftsleute um Geld streiten, solange nur das Gas kommt. Die deutschen und brasilianischen Kleingläubiger hingegen sorgen im komplexen Fall Zeromax für Anschaulichkeit, vielleicht sogar für Empathie. So hat etwa Bild am Sonntag bereits vermeldet, dass sich Ex-Weltfußballer Rivaldo geprellt fühlt, und von dieser wachsenden Aufmerksamkeit in Deutschland möchte SCM profitieren, denn damit lässt sich Druck auf die Regierung in Taschkent aufbauen. Und auf die hoffen jetzt alle Gläubiger, da bei Zeromax nichts mehr zu holen ist.

'Die usbekische Regierung ist dafür verantwortlich, dass wir unser Geld bekommen', sagt der Waldkircher Raumausstatter Klaus Schweizer. Aus seiner Sicht war der Bau ein Projekt des Staates. 'Jede Woche, manchmal sogar fast jeden Tag kam der Bauminister in den Palast, er hat alles abgesegnet.' Der Minister legte fest, welches Geschirr bei Partys verwendet würde oder welche Stühle. Höchstens die Fliesenfarbe in der Küche, klassisches Weiß mit grauen Fugen, durfte dessen Stellvertreter bestimmen.

In dieser Woche ist Usbekistans Vize-Außenminister Wladimir Norow in Berlin. Am Dienstagabend erwartet ihn im Berlin Capital Club am Gendarmenmarkt der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Auf der Gästeliste steht auch Klaus Schweizer. 'Meine Wut ist groß, und das werde ich dem Minister verklickern', sagt er. Schweizer weiß, dass er wohl nur ein kleiner Darsteller ist im großen Spiel um Geld, Macht und Rohstoffe. 'Wir wissen, dass wir Bauern auf dem Schachbrett der Weltpolitik sind und auch benutzt werden, um den Druck auf die usbekische Regierung zu erhöhen.'

Schweizer kann damit leben, solange er am Ende bezahlt wird für die tausend Halbedelsteine und unzähligen Mühen im Palast von Taschkent. Aber die Deutschen sind auch nachdenklich. 'Mir ist klar geworden', sagt der Küchenbauer Tzschoppe, 'dass dies eine knallharte Diktatur ist. Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen würde.'

Sueddeutsche Zeitung, May 24, 2011